Web 2.0. Eine Gefahr für das Milizsystem?

Was in den frühen 2000er Jahren mit dem Schlagwort „Web 2.0“ – das „Mitmach-Web“ – gefeiert wurde oder als „Open Source Software“ für die IT-Branche seit den 80er des letzten Jahrhunderts immer wieder Erfolge feiert, kennt die Eidgenossenschaft seit dem 19. Jahrhundert. Die Rede ist vom“Mitmach-Staat“ – unserem Milizsystem.

Als Milizsystem oder Milizprinzip bezeichnet man den Teilaspekt des politischen Systems der Schweiz, wonach öffentliche Aufgaben meist nebenberuflich ausgeübt werden. Dieses Prinzip hat eine lange Tradition, die auf den bereits in der Antike entwickelten Gedanken der Einheit von Bürger und Soldat zurückreicht. Die nur in der Schweiz gebräuchliche Bezeichnung «Milizsystem», abgeleitet vom lateinischen militia, verweist auf die Verwandtschaft mit dem Kriegswesen.
Quelle Wikipedia

In der Schweiz funktionieren heute viele Institutionen nach dem Milizprinzip. Angefangen bei Organisationen rund um den „Bevölkerungsschutz“ wie Armee, Feuerwehr, Zivilschutz etc. bis hin zum Parlament. Selbst in die Regierung kann jede/r mündige Schweizer Bürger und Bürgerin gewählt werden.

Der Vorteil dieses Systems ist, dass der Staat jenen „gehört“, welche ihn Tag für Tag tragen. Nirgendwo auf diesem (und vermutlich auch auf anderen) Planeten haben die Einwohner eines Staates, einer Region oder Gemeinde einen solch direkten Einfluss auf die Gestaltung ihrer Heimat. Zusammengefasst läuft dies bei uns als Selbstverständlichkeit unter der Bezeichnung „direkte Demokratie“. Eine Art der Demokratie, welche wohl ohne Milizsystem nur schwer aufrecht erhalten werden könnte.

Das eingangs erwähnte „Web 2.0“ kann aufgrund der unzähligen interaktiven Möglichkeiten eine Gefahr für das Milizsystem darstellen! Der Mensch ist häufig dazu geneigt, negativen Erfahrungen, Informationen, Schlagzeilen und Gefühlen mehr Aufmerksamkeit zu widmen als positiven. Emotionale Informationen bilden unsere Meinung schneller als trockene Fakten. Dies ist ein Umstand, den sich viele Medien u. sog. „Influencer“ in den sozialen Netzwerken zu Nutze machen. Nicht selten schaukeln sich negative Gedanken gegenseitig hoch bis zu einem persönlichen Ausbruch oder Resignation. Während ein Ausbruch einige wenige zu deren Nachteil betreffen kann, betrifft Resignation, wenn auch schleichend, immer eine Mehrheit. Resignieren Mitarbeiter eines Unternehmens aufgrund negativer Stimmung und Misstrauen gegenüber der aktuellen Leitung, so wird dies zum Stillstand führen. Gleiches gilt auch für eine Nation. Während ein solches Unternehmen „stirbt“, wird ein Staat fremd gesteuert und verliert seine Souveränität. Die Meinung zur aktuellen Regierung und zum aktuellen Parlament ist schnell und bequem zu Hause auf dem Sofa oder am Stammtisch gemacht. Jedes Medienhaus bestätigt täglich mehrfach: es läuft praktisch alles falsch. Zugegeben: Es läuft auch nicht alles so wie es laufen müsste oder könnte. Aber selten wird bestätigt, was richtig oder gar besser als erwartet läuft.

Da wir Menschen gerne «schubladisieren», kann es nur zwei Ansichten geben. Die richtige (meistens die eigene) und die falsche (naturgemäss die andere). In der komplexen Welt, in der wir leben, passt jedoch nicht mehr alles in nur zwei Schubladen. Das ist jetzt der Moment wo wir gefordert werden. Wir müssen aus den, in Emotionen verpackten, Informationen die Fakten extrahieren, um uns unsere eigene Meinung zu bilden. Nur so erkennen wir eine Abstufungen in der Qualifikation von Situationen. Plötzlich wird aus «richtig oder falsch» «Absolut richtig, Ideal, nicht schlecht, könnte besser sein, nicht ideal, absolut schlecht».

Gelingt es uns News-Konsumenten nicht, unsere zwei starren Schubladen zu unterteilen und Emotionen aus den Informationen zu filtern, wird uns unser «Mitmach-Staat» genommen! Denn, wer möchte sich schon ins Schaufenster stellen, wenn sein Tun und Lassen von rund 8 Millionen Mitmenschen negativ beurteilt wird? Das Milizprinzip würde aussterben, das Parlament und die Regierung professionalisiert und somit isoliert. Es würde auch hierzulande vermehrt in Interviews von «der Bürger» oder «das Volk» die Rede sein, wenn ein Politiker Rede und Antwort steht.
Öffnen wir die Faust im Sack wieder, gehen den weniger komfortablen Weg, bleiben Autor unserer «nationalen Geschichte» und mutieren nicht zum Passagier. Bleiben wir ein Volk von Bürgern, von denen jeweils einige vorübergehend ihren Dienst im nationalen, regionalen oder kommunalen Parlament, Regierung oder andere Behörden nach bestem Wissen und Gewissen leisten.

HINWEIS: Dieser Artikel kritisiert nicht die freie Meinungsäusserung oder Medienfreiheit. Er appelliert lediglich an die Medienkompetenz der Konsumenten!
Er unterschlägt auch Hinweise auf die Möglichkeit, dass eine der oben genannten Tätigkeiten im Einzelfall von einzelnen Mitgliedern einer Behörde nicht uneigennützig ausgeübt werden könnten. Behauptet jedoch, dass dies nicht vorsätzlich zum Nachteil der Allgemeinheit geschehen würde.

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